Kleines Reh

Der Geist der Weihnacht

 

Tagelang hatte es kaum aufgehört zu schneien und schweigend lag der Wald in prachtvollem Gewand. Geduldig beugten sich die Zweige der majestätischen Tannen ihrer schweren weißen Last, die Erde war in tiefen Schlaf versunken, und wenn der Mond des Nachts seinen silbernen Schein auf schneebedeckte Lichtungen warf, glitzerten sie wie Myriaden von kleinen Diamanten in seinem warmen Glanz.

 

An einem Platz im Walde hatte sich eine kleine Gruppe von Rehen eingefunden, die dankbar das Heu aus einer Raufe zupften, die der Forstmeister zu Beginn des Winters aufgestellt hatte.

„Der Frühling und der Sommer sind mir lieber“, meinte ein junger Hirsch, dessen Geweih in den letzten Monaten zaghaft zu wachsen begonnen hatte. Es war der erste Winter seines Lebens.

„Natürlich, es ist leichter Nahrung zu finden“, sagte seine Schwester, „und nicht so bitterkalt. Aber auch der Winter hat seine schönen Seiten.“

Das älteste Reh unter ihnen nickte zustimmend. Die Last eines angsterfüllten Lebens lag auf seinem Rücken und wie silbern gesponnene Fäden zog der Lauf der Zeit durch sein Fell, doch die sanften Augen strahlten in ungebrochener Schönheit.

„Der Winter erinnert an Frieden und Ruhe. Das Rad des Lebens scheint langsamer zu drehen und der Geist der Weihnacht erfüllt den Wald.“

„Mir fehlt einfach das schmackhafte Grün“, meinte ein Hase, der sich in der Hoffnung dazu gesellt hatte, dass ihm die Rehe ein paar Büschel Heu hinunterwarfen.

„Da hast du freilich recht“, erwiderte das ältere Reh und erfüllte ihm seinen Wunsch, „das fehlt uns allen.“

„Danke, das ist sehr freundlich von dir“, sagte der Hase.

„Wer oder was ist der Geist der Weihnacht?“, fragte der junge Hirsch.

Das alte Reh hob den Kopf und blickte hinauf, an den schneebedeckten Bäumen vorbei in den Himmel, der in einem kräftigen Blau strahlte.

„Ihn zu beschreiben, ist schwer“, sprach es schließlich. „Man muss ihn fühlen und seinem Flüstern mit dem Herzen zuhören. Er spricht von der Bruderschaft allen Seins und von der Kette der Dinge. Davon, dass alle Wesen und auch die Erde selbst miteinander verbunden sind und keiner dem anderen Leid zufügen sollte. Der Frieden ist seine Botschaft und die Liebe, die scheinbare Grenzen überwindet.“

„Das ist eine schöne Botschaft“, meinte der Hirsch, „aber wen erreicht sie? Meinen Vater sah ich unter den Kugeln eines Jägers sterben und erst neulich beobachtete ich, wie ein Fuchs einen Hasen erlegte.“ Ein trauriger Glanz überzog seine dunklen Augen und das Fell des Hasen sträubte sich.

Das alte Reh seufzte, denn viel hatte es schon an Leid gesehen. Nicht nur jenes, was die Menschen den Tieren antaten, sondern auch das, welches zwischen den Tieren geschah.

„Ich weiß, es ist schwer. Wir müssen nicht nur die Menschen fürchten, sondern ebenso andere Tiere. Gerade die Kleinen unter uns.“ Dabei sah es mitfühlend zu dem Hasen. „Uns Rehen und Hirschen geht es gut hier; in diesen Wäldern müssen wir uns zumindest nicht vor Wölfen fürchten.“

Nachdenklich glitt sein Blick in weite Fernen, bevor es weitersprach.

„Ein Gleichgewicht hält die Natur, das seit Anbeginn der Zeiten besteht. Es gibt Tiere, die andere jagen und solche, die es nicht tun und vor ihnen fliehen. Warum das so ist, kann ich dir nicht beantworten. Wir müssen es hinnehmen, wie den Sturm, der manchmal einen Baum entwurzelt. Aber in mir lebt die Hoffnung, dass es sich eines fernen Tages ändern könnte, auch wenn es unmöglich erscheint. Seit ich die Botschaft von Liebe und Frieden im ersten Winter meines Lebens vernommen habe, trage ich diese Hoffnung in mir.“

„Es ist ungerecht“, meinte der junge Hirsch und schüttelte trotzig sein Geweih.

„Ich weiß“, erwiderte das Reh verständnisvoll.

Plötzlich hob es witternd die Schnauze und gleich darauf war von weitem ein Schuss zu hören.

„Gefahr!“, rief der älteste Hirsch. „Schnell, fort, nach links, und dann tief in den Wald hinein!“

Sofort preschte die kleine Herde los und der Hase lief in Windeseile zurück zu seinem Bau, um sich zu verstecken.

 

Die Rehe und Hirsche waren schon eine Weile gelaufen, als das alte Reh plötzlich jäh zu Fall kam. Ein Fangeisen schnappte zu und die kalten Metallzähne bohrten sich unbarmherzig in seinen linken hinteren Lauf.

Sofort waren die anderen bei ihm.

„Was können wir tun?“, fragte der junge Hirsch ratlos.

„Nichts“, antwortete eines der Rehe traurig.

Das verletzte Reh stöhnte unter seinen Schmerzen. „Sie hat recht. Ihr müsst euch in Sicherheit bringen, ihr könnt mir nicht helfen. Für jeden kommt der Tag, an dem er Abschied nehmen muss. Ich durfte viele Sommer und Frühlinge erleben, ich habe mein Leben gelebt mit all seinen Schmerzen und Freuden. Und ich danke euch, dass ihr meine Gefährten wart.“

Der älteste Hirsch, der die kleine Herde anführte, stupste den jüngeren an.

„Wir können einfach nichts tun und müssen so schnell als möglich weiter.“

Eine tiefe Trauer verdunkelte die Augen des jungen Hirschen....

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Copyright© Daniela Böhm

 

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